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Hartz IV : Lebensfreude auch mit Hartz IV

Hattingen, 10.03.2010, Dominika Sagan

Eine 59-jährige Blankensteinerin erzählt vom Jobverlust, der Arbeitssuche und dem tiefen Loch, in das sie fiel.

Heute hat sie trotz Hartz IV ihre Lebensfreude wiedergefunden. Sie hat sich wieder unter die Menschen gewagt und ein Ehrenamt angenommen. Als die 59-jährige Blankensteinerin vor sieben Jahren arbeitslos wurde, fiel sie in ein tiefes Loch. „Es ging mir richtig schlecht.” Nichts hat sie mehr interessiert, so beschreibt sie ihre Situation damals, in der sie entweder mit dem Hund Gassi ging oder Fernsehen schaute. Vier Jahre lang. Dann ging es ganz langsam bergauf – mit Hartz IV.

„Ich hatte ja vorher gut verdient, war immer unterwegs”, erzählt die gelernte Groß- und Einzelhandelskauffrau. „Plötzlich wusste ich nicht, was ich mit mir anfangen soll.” Ein furchtbares Gefühl machte sich breit, weil sie nicht mehr gebraucht wurde. Dabei sei sie doch schon mehrfach in den Arbeitsmarkt zurückgekehrt. Nach der Geburt ihrer Tochter. Auch 1983, nachdem ihr Sohn zur Welt gekommen war. „Es gab nie Schwierigkeiten, daher habe ich nie befürchtet, ohne Job zu sein”. Bevor das dann tatsächlich passierte, hat sie in einer Bäckerei gearbeitet. Sie wurde erst krank – dann entlassen.

Doch die Blankensteinerin gab nicht auf, schrieb Bewerbungen, stellte sich persönlich vor. „Wenn man aber ein bestimmtes Alter erreicht hat, geht gar nichts mehr”, hat sie erfahren. Das habe sie bei den vielen Absagen immer zwischen den Zeilen gelesen. Vor einem Jahr beispielsweise, da hat sie sich in einer Bäckerei beworben: „Sie haben die Jüngere genommen.” Bis 50 sei es kein Problem, Arbeit zu finden. Seit sie die Altersgrenze überschritten hat, ist „Feierabend”. Inzwischen greift die 59er-Regelung: „Bewerbungen muss ich nicht mehr schreiben.” Zumindest nach dem Gesetz. Das sei hart gewesen, als der Mitarbeiter auf dem Amt ihr das erklärt habe.

„Das war's jetzt”, war ihre Reaktion. An Absagen hatte sie sich ja fast gewöhnt, aber so abgeschrieben zu werden, war neu. Dabei würde sie sofort wieder arbeiten – gern sogar. „Ich fühle mich nicht uralt.” Sie habe schon alles verkauft, „außer Blumen”. Außerdem könnte sie mit Arbeit noch etwas in die Rentenkasse einzahlen. Aber vom Amt habe sie in den Jahren nicht einmal einen Ein-Euro-Job angeboten bekommen. „Darum habe ich mich selbst bemüht.” Mit ihm hat sie nicht nur 120 Euro mehr in der Börse gehabt, sie musste auch „nicht mehr nur zu Hause die Wände angucken”. Sie hatte endlich wieder eine Aufgabe.

Aufgegeben hat sie mit Hartz IV das Rauchen. Aber auch ihr Pferd. Nur den Hund, den würde sie nie hergeben. Wenn die 59-Jährige Lebensmittel einkauft, rechnet sie. Früher hat sie gesagt: „Das hol' ich mir”, und dann ging das auch. Jetzt hat das Geld für Möbel nicht gereicht. Nach dem Umzug hat sie einige geschenkt bekommen, andere gebraucht bei Mäck Möbel gekauft. „Mein Leben hat sich gravierend geändert.” Anfangs hat sie sich geschämt und gedacht: „Oh Gott, ich muss mit Geld vom Staat leben”. Und dann die anderen, die denken: „Die hat keine Lust zu arbeiten”. Sie sei ganz tief unten angekommen. Nur ganz langsam ging es irgendwann aufwärts. Die 59-Jährige hat das Buch „Besser leben mit Hartz IV” in die Finger bekommen, pflegte wieder Kontakte. Mit dem Ehrenamt sei sie aufgelebt. Heute sagt die zweifache Großmutter: „Ich brauche mich nicht zu schämen, denn ich kann ja nichts dafür.” Abstempeln lässt sie sich nicht.

Wie es ihr geht? „Nicht gut, aber ich bin zufrieden.” Und auch froh, einen neuen Partner kennengelernt zu haben. Ihm hat sie gleich gesagt, dass sie Hartz IV-Empfängerin ist. Er habe das nicht negativ aufgefasst. Jetzt wünscht sie sich, den Rest ihres Lebens zu zweit zu verbringen – „ohne Hartz IV wäre natürlich gut”.

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1 Kommentare

Genauso ergeht es doch allen ehemaligen Arbeitslosenhilfeempfängern, die Jahrzehntelang gearbeitet haben und von Politik, in die auf ehemalige Sozialhilfempfänger zugeschnittenen, Hartz Programme gezwungen wurden.
Die schämen sich oft, wenn man sich die Selbstmordrate bei Hartz Empfängern mal ansieht, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Tode.
Gerade auch älter schwerbehinderte Arbeitslose, die nie mehr arbeiten werden können und sich in unwürdigen Bewerbungstrainings und teueren Computergrundkursen herum drücken, wenn sie es denn noch können, sollte man doch ohne zusätzlich Abschläge, wenigstens ab 60 in Rente gehen lassen.
Das Politik hier ein riesiges Altersarmutsprogramm aufgelegt hat, scheint niemand zu bemerken.
Bis 2008 betrug der schon sehr sehr niederige Rentenbeitrag der A.A. noch 78 €, der wurde dann 2009 still und heimlich auf unverantwortliche 39 €, gesenkt, daß bedeutet ein Rentenzuwachs von
5 € pro Jahr.
In 5-10 Jahren werden wir soviel Tafeln gar nicht zu Verfügung stellen können, wie wir benötigen.
Schon heute sieht man Rentner die leere Pfandflaschen einsammen um ihre karge Rente aufzubessern, wären andere so hohe Pensionen kassieren das Sie ihr Geld in Lichtenstein oder der Schweiz anlegen müssen .

,.

#1 von wimmel , am 13.03.2010 um 12:59
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